Der ukrainische Markt entwickelt sich dynamisch in Bereichen wie der dezentralen Energieversorgung, der Solar-, Wind- und Bioenergie sowie der Energiespeicheranlagen. Dies ist auf den dringenden Bedarf an Ersatz für zerstörte Anlagen, den Trend zu größerer Autonomie der Energieversorgung, ein großes Angebot an Energieanlagen aus dem In- und Ausland sowie einen gut entwickelten Dienstleistungssektor, der von Teilmontagen bis hin zur schlüsselfertigen Projektabwicklung reicht, zurückzuführen.
Die treibenden Kräfte hinter den neuen Projekten sind vor allem einheimische Unternehmen sowie ausländische Firmen, die über Vermögenswerte und Erfahrung in der Ukraine verfügen. Der Energiemarkt entwickelt sich zudem dank internationaler Hilfsprojekte, die von einzelnen nationalen Regierungen finanziert werden. Ausschreibungen für diese Projekte zielen häufig auf den Erwerb europäischer Ausrüstung ab. Die erwartete Ausweitung der Wiederaufbau- und Sanierungsarbeiten steigert das Interesse an europäischer Ausrüstung sowie an einer Zusammenarbeit mit Unternehmen aus der EU.
Die Strategie zum Wiederaufbau des ukrainischen Energiesektors basiert auf den Zielen und Verpflichtungen im Rahmen des EU-Beitrittsprozesses sowie auf den Prinzipien der Dekarbonisierung und der nachhaltigen Entwicklung. Diese werden durch eine Reihe von Dokumenten untermauert, darunter insbesondere die Energiestrategie der Ukraine bis 2050, der nationale Energie- und Klimaplan bis 2030 sowie die Strategie zur Entwicklung dezentraler Energieerzeugung bis 2035. Um Investitionen in den Bau neuer Energieanlagen zu fördern, hat die ukrainische Regierung zudem Steuervergünstigungen für den Import von Energieausrüstung bis 2029 beschlossen.
Geschätzter Bedarf an Stromerzeugung
Schätzungen des Übertragungsnetzbetreibers PrJSC NEC „Ukrenergo“ zufolge wird die Ukraine in den kommenden Jahren etwa 9,5 GW an neuer Erzeugungskapazität benötigen. Der Schwerpunkt soll dabei auf hochflexibler Gaserzeugung, Biomasse-Heizkraftwerken, Energiespeicheranlagen und erneuerbaren Energien liegen. Der Bau dieser Kapazitäten kann nur durch die Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft gewährleistet werden.
Dezentrale Stromerzeugungsanlagen
Bis 2027 wird der Gesamtbedarf an dezentraler Stromerzeugung in der Ukraine auf bis zu 4 GW geschätzt. Nach der Heizperiode 2025/2026 könnte die Nachfrage nach neuen Anlagen noch weiter steigen.
Die Ukraine hat von ihren Partnerländern eine beträchtliche Anzahl an Blockheizkraftwerken, leistungsstarken Generatoren und weiteren Energieanlagen erhalten. Doch besteht weiterhin ein erheblicher Bedarf an Projekten für den Anschluss und den anschließenden Betrieb. Die Regierung und die lokalen Behörden benötigen Partner, die die erhaltenen Erzeugungskapazitäten an die Energieinfrastruktur anschließen, sowie Investoren, die umfassende schlüsselfertige Projekte inklusive Betrieb und Strom- und Wärmeversorgungsdienstleistungen anbieten.
Solche Anlagen können an der Stelle zerstörter oder beschädigter Energieanlagen errichtet werden. Sie profitieren von einem bestehenden Anschluss an die Energieinfrastruktur sowie von garantierten Abnehmern. Ein weiterer Vorteil für Investoren in Anlagen zur dezentralen Energieerzeugung kann die Teilnahme am Strommarkt für Hilfsdienste sein. Auf diesem Markt tritt die PrJSC NEC „Ukrenergo“ als Auftraggeber auf.
Die ukrainische Wirtschaft wird zudem ein großer Auftraggeber für schlüsselfertige Projekte zur Energie- und Wärmeversorgung auf Basis dezentraler Erzeugungstechnologien sein. Dabei geht es sowohl um die Gas-Kraft-Wärme-Kopplung als auch um Kombinationen aus erneuerbaren Energien, konventionellen Energiequellen und Biomasse.
Windstromerzeugung
Bis Ende 2025 wurden in der Ukraine 324 MW an neuer Windkraftkapazität errichtet. Für 2026 wird ein Anstieg des Anteils der Windenergie erwartet, da dann neue Windparks in Betrieb gehen. In- und ausländische Investoren investieren dabei weiterhin in neue Projekte ohne „grüne Auktionen“ und ohne garantierten Abkauf des erzeugten Stroms. Die vorhandenen technischen Voraussetzungen für den Netzanschluss könnten 4,5 GW an Windkraftprojekten in der Ukraine ermöglichen. Ein Teil davon sucht noch nach Partnern und Investoren zur Umsetzung.
In der zweiten Jahreshälfte 2026 soll ein spezieller Mechanismus zur Risikominderung für Projekte im Bereich erneuerbare Energien in Betrieb genommen werden – der Ukraine Renewable Energy Risk Mitigation Mechanism (URMM oder RAMP UP). Er soll den Zugang zu Bankkrediten für Projekte im Bereich erneuerbare Energien in der Ukraine verbessern, indem er eine Mindestverkaufspreisgrenze für Strom garantiert und die Vorhersehbarkeit der Einnahmen für Investoren erhöht.
Stromspeicher
Die Ausschreibungen von PrJSC NEC „Ukrenergo“ waren im Jahr 2025 ein wichtiger Motor für die Entwicklung von Stromspeichern als eigenständiges Segment des ukrainischen Energiemarktes. Die Gesamtleistung der an das Netz angeschlossenen Stromspeicher wird auf 400 MW geschätzt. Zur Ausgleichung des Energiesystems benötigt die Ukraine etwa 2 GW an Stromspeichern als Hilfsdienstanbieter. Darüber hinaus können Stromspeicher-Projekte auf dem freien Stromgroßhandelsmarkt tätig sein und dabei die erheblichen Preisschwankungen zwischen Spitzen- und Nebenzeiten des Verbrauchs ausnutzen.
Auch gewerbliche und private Verbraucher in der Ukraine erwerben in großem Umfang Stromspeicheranlagen mit unterschiedlichen Leistungen, um eine stabile Stromversorgung zu gewährleisten und die Kosten für den Strombezug zu senken. Dieses Marktsegment bleibt aufgrund der großen Zahl an Geräten aus China weiterhin hart umkämpft, weist jedoch für die Zukunft eine stabile Nachfrage auf. Besonders gefragt sind Systeme zur Überwachung und automatischen Steuerung von Stromspeicheranlagen sowie Systeme zur Erstellung kombinierter Systeme mit Solaranlagen.
Solarstromerzeugung
Die Ukraine hat ihre Kapazitäten zur Solarstromerzeugung bis 2025 um etwa 1,5 GW erhöht. Im Mittelpunkt standen dabei kommerzielle Solarkraftwerke in Kombination mit Stromspeichern für Produktionsbetriebe, große Handels- und Logistikzentren sowie Einrichtungen der kommunalen Versorgung und der sozialen Infrastruktur.
Für das Jahr 2026 wird ein weiterer Anstieg der Nachfrage erwartet, vor allem nach kombinierten Solarkraftwerk- und Stromspeichersystemen für Industrie und Gewerbe mit einer geschätzten Leistung von 1,5 GW Solarstrom und bis zu 3 GW Stromspeicherleistung.
Biomasse
Dieser Sektor entwickelt sich für die Ukraine zu einer wichtigen internen Ressource, um die Energiesicherheit und -resilienz zu stärken sowie die Strom- und Wärmeerzeugung zu dezentralisieren. Zudem stellt er einen vielversprechenden Bereich für die Diversifizierung der Wirtschaft und den Ausbau des Exports von Produkten mit hoher Wertschöpfung dar.
In den kommenden Jahren werden Unternehmen, lokale Behörden und private Haushalte eine erhebliche Nachfrage nach Biomasse-Anlagen zur Strom- und Wärmeversorgung schaffen. Dadurch ergeben sich Perspektiven für den Aufbau einer für alle Seiten vorteilhaften Partnerschaft zwischen potenziellen Anbietern und Betreibern solcher Anlagen sowie zwischen Rohstofflieferanten und Stromverbrauchern.
In der Ukraine entwickelt sich der Biomethanmarkt dank EU-kompatibler Zertifizierungs- und Qualitätsstandards, der Möglichkeit, auf den europäischen Markt zu exportieren, sowie bewährter Verfahren für den Anschluss an Gasnetze. Derzeit realisieren große einheimische Agrarunternehmen die ersten Biomethananlagen. Gleichzeitig besteht weiterhin erhebliches Potenzial für neue Projekte – von der Modernisierung bestehender Biogasanlagen bis hin zum Bau vollwertiger Biomethananlagen.
In der Ukraine gibt es ausreichende Rohstoffe zur Produktion von Biomethan aus landwirtschaftlichen und organischen Abfällen. Das Gesamtpotenzial beträgt bis zu 1 Mrd. m³ im Jahr 2030 und bis zu 21,8 Mrd. m³ im Jahr 2050.
Wasserkraft
Das staatliche Unternehmen Ukrhydroenergo plant eine umfassende Sanierung und Entwicklung der Wasserkraftkapazitäten in der Ukraine, einschließlich der Modernisierung bestehender Wasserkraftwerke und des Baus neuer, kleinerer Anlagen mit geringer Umweltbelastung.
Die Ukraine verfügt über ein beträchtliches Potenzial für den Ausbau der Kleinwasserkraft an den rund 20.000 kleinen Flüssen des Landes, insbesondere im Westen. Die Entwicklung und Umsetzung von Kleinwasserkraftprojekten unter Einhaltung ökologischer Standards, nach Durchführung einer umfassenden Umweltverträglichkeitsprüfung und in Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinden bietet vielversprechende Perspektiven.
Vorhandene Anreize und Förderprogramme
Neue Stromerzeugungsanlagen in der Ukraine werden überwiegend aus Fremd- und Eigenmitteln von Unternehmen und privaten Verbrauchern sowie mit Unterstützung internationaler Partner errichtet. Das wirksamste Instrument der staatlichen Förderung ist die vorübergehende Einführung von Vergünstigungen für den Import von Energieanlagen, die bis 2029 gelten.
Die Entwicklung neuer industrieller Energieanlagen erfolgt unter Berücksichtigung ihres künftigen Betriebs auf dem freien Großhandelsmarkt, wobei auf spezielle staatliche Förderinstrumente verzichtet wird. In der zweiten Hälfte des Jahres 2026 werden grüne Auktionen erwartet, bei denen Marktprämien als Anreiz für Investoren dienen.
Ein inländischer Markt für den Verkauf von Herkunftsnachweisen für erneuerbaren Strom und Biomethan wurde eingeführt und die Vorbereitungen für die Integration dieses Marktes in europäische Register laufen.
Investoren in erneuerbare Energien haben zudem die Möglichkeit, direkte Handelsverträge mit Verbrauchern zu einem festen Preis über einen längeren Zeitraum abzuschließen oder den erzeugten Strom auf dem freien Markt zu verkaufen. Zu den neuen Geschäftsfeldern gehören auch Erneuerbare-Energien-Projekte für aktive Verbraucher und integrierte Energieprojekte für lokale Gemeinschaften.
Mittelfristig ist mit einer Liberalisierung des Energiemarktes und der Privatisierung staatlicher Energieunternehmen in den Bereichen Erzeugung, Übertragung und Verteilung zu rechnen.
Finanzinstrumente für Energiesektor in 2026
Die Grundlage der finanziellen Stabilität der Ukraine bleibt die Unterstützung durch die EU, die USA, die G7-Mitglieder und andere Partner in Form von Krediten und Zuschüssen. Ein wesentlicher Teil von diesen Finanzmitteln ist auf die Unterstützung des Energiesektors, eines der Hauptziele von russischen Angriffen seit 2022, gerichtet.
Um die Investitionen in die Ukraine zu fördern, hat die EU eine Sonderinitiative – Ukraine Investment Framework – eingeführt, innerhalb deren Kreditgarantien in Höhe von 7,8 Milliarden Euro bereitgestellt werden, um die Risiken vor allem internationaler Finanzinstitute und Entwicklungsfinanzierungsorganisationen zu reduzieren. Weitere 1,5 Milliarden Euro sind als Mischfinanzierung vorgesehen, darunter auch Zuschüsse zur Entlastung der Kreditnehmer. Im Rahmen der Ukraine Recovery Conference in Rom im Juli 2025 wurden die Unterzeichnung von Vereinbarungen über Kreditgarantien in Höhe von 1,5 Milliarden Euro und eine Mischfinanzierung in Höhe von 580 Millionen Euro bekannt gegeben.
Sowohl internationale Finanzinstitutionen als auch ukrainische Banken können verschiedene Unterstützungsprogramme kombinieren, um Kreditmittel einem möglichst breiten Kreis von Kreditnehmern zugänglich zu machen.
Internationale Finanzinstitutionen stellen die größten Mittelbeträge für die direkte und indirekte Unterstützung von Energieprojekten in der Ukraine zur Verfügung. EBRD, EIB, KfW und die Internationale Finanz-Corporation unterstützen Projekte im Wert von über 10 Millionen US-Dollar, in der Regel große ausländische und inländische Unternehmen, und sind gleichzeitig eine Quelle finanzieller Ressourcen für Kreditprogramme staatlicher und privater Banken in der Ukraine.
Entwicklungsfinanzierungsorganisationen (Swedfund, Norfund, IFU, Proparco, BII, JBIC) gelten als Partner für ausländische und ukrainische Mittelunternehmen und sind bereit, Darlehen für Projekte im Umfang von 3 bis 10 Millionen US-Dollar zu gewähren sowie Kreditprogramme ukrainischer Banken zu unterstützen.
Staatliche und einige private Banken der Ukraine vergeben Kredite von bis zu 3 Millionen US-Dollar, hauptsächlich an mittlere und kleine Unternehmen, zu preisgünstigen Zinsen unter dem Marktniveau dank staatlicher Förderprogramme des Unternehmerentwicklungsfonds, die teilweise auch durch internationale Finanzhilfe finanziert sind.
Um die Geschäftstätigkeit in der Ukraine zu unterstützen, wurde in Zusammenarbeit mit den beauftragten Banken ein Programm zur Vergütung der in der Ukraine produzierten Energieausstattung entwickelt. Weiterhin wird ein spezielles Investmentportal eingerichtet, über das man Informationen zu den verfügbaren Krediten und Fördermitteln erhalten kann.
Weitere Informationen zu verschiedenen Möglichkeiten, Finanzunterstützung für Energieprojekte zu erhalten, erhalten Sie im beigefügten Handbuch und in der Präsentation.